Urbaner Gemüseanbau mit vielfältigen Möglichkeiten

Volkmar Keuter ist Abteilungsleiter Photonik und Umwelt am Fraunhofer UMSICHT und Projektkoordinator von SUSKULT. Warum er gesalzene Suppen dem Einheitsbrei vorzieht, wo Marktbesucher künftig ihre Tomaten selbst ernten können und wie Kläranlagen zu neuen Kirchtürmen der Stadt werden, erklärt der Forscher im Interview.  

 

Fraunhofer UMSICHT ist Verbundkoordinator des Projekts. Welches Know-how bringt das Institut für SUSKULT mit?
Am Fraunhofer UMSICHT in Oberhausen beschäftigen wir uns schon lange mit der gebäudeintegrierten Lebensmittelproduktion und wollen mit der Entwicklung innovativer Systeme die urbanen Stoff- und Energieströme flexibel nutzbar machen. Unter der Dachmarke »inFARMING®« treiben wir die Integration der Agrikultur in Städten und Metropolen voran. Dafür arbeiten wir etwa an vertikalen Kultivierungsmethoden, speziellen Belichtungsstrategien und neuartigen Kreislaufverfahren für Nährstoffe. SUSKULT ist ein Beispiel dafür, wie wir im Rahmen eines Forschungsprojekts den intelligenten Ressourceneinsatz planen und neue systemische Konzepte für den urbanen Raum entwickeln.

 

Stolze 15 Partner bilden das Projektkonsortium. Das ist ein ziemlich großer Verbund. Wie heißt es noch: Viele Köche…?
SUSKULT konzipiert nichts Geringeres als die Transformation der heutigen Agrarwirtschaft und möchte damit maßgeblich zum biobasierten Wandel Deutschlands beitragen. Projekte mit solch großen Herausforderungen benötigen einen möglichst breit aufgestellten, transdisziplinären Ansatz, um alle wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte mit dem erforderlichen Know-how abbilden und bearbeiten zu können. So freuen wir uns darüber, dass neben renommierten Instituten und Institutionen aus Wissenschaft und Forschung unter anderem auch Vertreter aus dem Lebensmittelhandel wie die Unternehmensgruppen Metro AG und Rewe Markt GmbH mit dabei sind. Darüber hinaus ist es uns wichtig, bei verschiedenen Projektfortschritten den Endverbraucher im Rahmen von Dialoggesprächen miteinzubeziehen. Nur so können wir die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen. Das große Konsortium ist für SUSKULT also vielmehr die Quintessenz zum Projekterfolg; das Salz in der Suppe!   

Das Projektziel ist, ein auf Hydroponik basierendes innovatives Nahrungsmittelproduktionssystem zu entwickeln. Die dafür benötigten Ressourcen bezieht SUSKULT aus einer Kläranlage. Wie gelingt es Ihnen, mögliche Barrieren hinsichtlich der doch recht »speziellen« Kultivierungsumgebung abzubauen?
Vornweg: Die Lebensmittel sollen in unserem Agrarsystem zu keiner Zeit in direkter Berührung mit dem unbehandelten Abwasser kommen. Kläranlagen stellen alle erforderlichen Ressourcen für eine kreislauforientierte und biobasierte Agrarwirtschaft bereit und stellen daher einen idealen Ort für den nachhaltigen Anbau der Zukunft dar!

Mittlerweile sollte jedem bewusst geworden sein, dass der Klimawandel nur gemeinschaftlich erfolgreich gelingen kann und jeder einzelne von uns dabei gefragt ist. Im Zuge dieser nötigen gesellschaftlichen Transformation sollten auch persönliche Hürden abgebaut und Vorurteile überdacht werden. Mit regelmäßigen Dialoggesprächen wollen wir im Projektverlauf auch die Bürgerinnen und Bürger miteinbeziehen und für das Konzept Akzeptanz schaffen.

Welches Potenzial bieten »NEWtrient®-Center« künftig der Stadt und ihren Bewohnern?
Unser SUSKULT-Konzept sieht vor, dass im Jahr 2050 von den »NEWtrient®-Center« aus die Bewohner der Stadt mit frischen und gesunden Lebensmitteln versorgt werden können. Lange Transportwege fallen weg und es werden nur Nährstoffe verwendet, die ohnehin schon in Kläranlagen zu finden sind. Durch das Stadtwachstum befinden sich die meisten der Kläranlagen schon jetzt häufig nicht mehr außerhalb der Stadt, sondern mitten in den urbanen Zentren. Denkt man das bis zum Ende können »NEWtrient®-Center« künftig die neuen Kirchtürmer der Städte als wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Mittel- und Orientierungspunkt darstellen.
Die Integration dieses neuen Agrarsystems offeriert aber auch eine ganze Reihe an weiteren Möglichkeiten und Chancen für eine zukunftsfähige und innovative Stadtentwicklung.

 

Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben. Welche Möglichkeiten und Chancen wären das denn?
Nun, ich kann mir gut vorstellen, dass sich die innerstädtischen Strukturen verändern werden. Wochenmärkte zum Beispiel könnten sich vom Marktplatz weg an den Ort des Anbaus verlagern und dort den Verbrauchern anbieten, ihr Obst und Gemüse selbst zu ernten. Ähnlich wie das heutzutage schon bei »Selbsternte-Konzepten« auf dem Acker möglich ist.
Zudem könnten sich Städte je nach ihrer individuellen Historie, wirtschaftlichen Ausrichtung oder gesellschaftlichen Fokussierung auf die Kultivierung oder Weiterentwicklung bestimmter Nahrungsmittel spezialisieren. Kohlstadt, im bayrischen Landkreis Traunstein gelegen, könnte im Jahr 2050 ihren Namen alle Ehre machen und sich auf den Anbau verschiedener Kohlsorten fokussieren. Die Apfelstadt Tönisvorst am Niederrhein könnte ihr Image gezielt weitervoran treiben und zum Apfel passende Gemüsesorten wie Pastinaken, Zucchini oder Rote Beete vermehrt anbauen.

 

Zum Schluss: Bitte beschreiben Sie das Projekt kurz und kompakt in einem Satz.
SUSKULT ermöglicht künftig den Gemüseanbau in der Stadt mit hoher Qualität und ohne negative Umweltauswirkungen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Keuter!

Schon gewusst…?